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Christoph Buchwald / Michael Lentz „Jahrbuch der Lyrik 2005“. Gedichte
Textbeispiel
(...). Das Zusammenspiel welcher Organtätigkeiten macht ein gutes Gedicht? Wie wirkt dieses Zusammenspiel? Welche Abnutzungserscheinungen stellen sich ein im Laufe eines Lebens? Muss die Karosserie überholt werden, werden die Ventile undicht? Warum genügt es nicht, nur ein einziges Gedicht geschrieben zu haben? Wollen wir uns nicht mal hinsetzen, ein ganzes Leben, und so lange ein Gedicht durch den Mund, über die Zunge gehen lassen, bis gar nichts mehr daran auszusetzen ist – es sei denn, das Ganze? Und der Leser kaut ein ganzes Leben darüber – oder nur einen ganz kurzen Moment? Und will es nicht gelingen, dieses eine Gedicht, sind Dichter und Dichterin dann an der Poesie gescheitert oder am Leben? Wie jung ist das jüngere Gedicht? Wie alt das ältere? Ist im Alten stets das Neue, im Neuen das Alte? (...) Können wir Ferien machen von der Geschichte der Poesie? Gibt es einen poetischen Generationenvertrag? Machen die Jüngeren das, was die Alten versäumt haben – nach Meinung der Jüngeren? Beherrschen die Älteren „die Szene“ – so lange, bis die Jüngeren selbst wieder an deren Stelle treten, als Ältere? Oder ist dieser Generationenvertrag bloß ein doppeltes Täuschungsmanöver: Erweisen sich die Älteren als unverhofft frisch(er) und unverbraucht(er), während die Nachhut bereits Vergreisung zeitigt? (...) Warum fühlt sich jeder Dichterhund, jede Dichterhündin verkannt, auch stillschweigend? Das hundsgewöhnliche Wort soll an keiner Leine geführt werden als an der Dichterleine? Ist das Wort noch zu retten? Und die Form? Ist das Gedicht in Form? Und der Dichter? Hat er nicht Sehnsucht, auf dem Markt das Allgemeine zu sein? Hatte er das nicht schon immer? Pegasus auf der Koppel als grasendes Weidevieh? Sagte der Händler nicht soeben, „Hier, das Dichterpferd, nichts dran, aber Pferd“? Schindchimäre? Gab es nicht Zeiten, da waren Götter Mangelware? Gibt es nicht Breitengrade, da ist das Dichterwort dichter an Gott? Und der hört es trotzdem nicht? Tempi passati, ein Schnupfen, ein Wind? Was genau ist das poetische Organ? Und wo ist sein Ort? Gibt es eine Sprache, die nicht altert? Was ist das zeitlose Gedicht? Genügt es nicht, sich mit einem Gegenüber einfach nur zu unterhalten? Was hätte der Jüngere dem Älteren zu sagen? Und umgekehrt? Unterhält es sich nicht von alleine? Ein einziges Gedicht also, und man bedenkt es ein Leben lang? Reicht ein Leben aus, sich über ein Gedicht zu unterhalten?
(Michael Lentz, aus dem Nachwort „ Werden die Ventile undicht?“) |
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