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»Mit der Betroffenheit und Begeisterung von Jury und Publikum richtete sich schlagartig die Aufmerksamkeit auf eine seltene Koinzidenz. Das Handwerk eines wissenschaftlich ausgewiesenen Anagramm-Artisten und Performance-Künstlers trifft auf das absolut Sprachlose, den sich von 1994 bis 1998 hinziehenden Krebstod der Mutter, ihr "verschwinden", ihr Aufgeben des Hauses, ihr Sich-Selbst-Aufgeben, bis nur noch "eine zwanzigprozentige mutter" im Krankenhausbett liegt. Der zu spät erkannte Darmkrebs läßt sie unter dem hilflosen Herumgestümper der Ärzte verhungern und verdursten. Die Avantgarde hat sich unversehens an einem klassischen Erzählthema des Realismus zu messen - und Lentz bewährt sich bravourös. Lentz verliert sich nicht im Privaten, sondern unterzieht seinen literarischen Apparat jeglicher Probe. Die Texte sind umspannt von einem Netz aus Binnenverweisen und Zitaten: von Valéry und Kafka bis zu Brinkmann und Karl May, von Marie Luise Kaschnitz bis zu Lenz und Büchner. Lentz praktiziert zudem viele Genres nebeneinander: Ärzteinvektive, Heimatbeschimpfung ("Bitte alle Düren schließen"), Protokolle von Flugreisen, Traumphantasien. Lange Presto-Passagen prallen darin auf Kurzsätze wie "Rauchen bis die beine weg sind". Rhythmuswechsel und thematische Schnitte gliedern den knapp interpunktierten, oft mitreißenden Textfluß. Sollte es Lentz gelingen, dieses Können produktiv zu erhalten und nicht zur marktgängigen Manier auszumünzen, hat die deutsche Literatur eine mächtige Stimme hinzugewonnen, von der noch viel zu hören sein wird - und sein soll. Denn was alles in der Kunst Michael Lentz' steckt, kann schon ein einziger Satz zeigen: "Ein drache zieht an den Wolken und ein alphabet entsteht." Genau darin besteht das Wesen der Poesie. Jemand zieht am Schnürchen der Buchstaben, und eine Welt folgt nach: "Ein jahrlanger augenblick". Bis auf den Tod.«

Lothar Müller, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2002

 
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